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documenta 16 Naomi Beckwith: Null Toleranz für Rassismus und Diskriminierung

documenta 16 Naomi Beckwith: Null Toleranz für Rassismus und Diskriminierung

Prickelndes documenta-Feeling – zwei Jahre vor der Weltkunstschau. Die d16-Leiterin Naomi Beckwith gab einen ersten Einblick in ihr kuratorisches Konzept.

Was für ein Auftritt! Die erste Begegnung der künstlerischen Leiterin der documenta 16 Naomi Beckwith mit der Kasseler Stadtgesellschaft war überwältigend. „Unsere Einladung zur Präsentation von Naomi Beckwith scheint ganz Kassel elektrisiert zu haben“, teilte documenta-Sprecherin Silke Müller im Vorfeld mit: Nach einer Riesenwelle von Anmeldungen für die Veranstaltung, die im Gloria-Kino stattfinden sollte, musste die documenta flugs umdisponieren und die große documenta-Halle buchen. Bereits eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Veranstaltung hatte sich auch dort vor dem Eingang eine lange Schlange gebildet. Rund 700 Kunstinteressierte schienen es kaum abwarten zu können, Naomi Beckwith, die 49-jährige US-Amerikanerin, Vizedirektorin und Chefkuratorin des Guggenheim-Museums in New York, persönlich zu sehen, zu hören und mit ihr in Kontakt zu treten. 

“documenta was born of utopian thinking. […] It was and remains cosmopolitan, against decentralization and pro peace.” 

“For documenta 16 I will not tolerate denigrations or presumptions about anyone or any group especially those based on national origin, cultural heritage, religious creed, sexual orientation, gender expression, financial status, physical abilities, family arrangements, sexual preferences or the sins of their fathers, their mothers or their siblings.” 

“[…] Artists are citizens with rights of expression that operate alongside their artistic output. And my curatorial role is also to make space for that.” 

Als sie ans Mikrofon trat, brandete ihr Applaus entgegen. Er bewies, dass die Kasseler mit der Einschätzung ihres Oberbürgermeisters Sven Schoeller, der Naomi Beckwith während der Pressepräsentation im Dezember 2024 als „eine exzellente Wahl“ bezeichnet hatte, uneingeschränkt d’accord gingen. Bei der Welle an Euphorie, die der sympathischen Frau begegnete, beruhigte es, dass Naomi Beckwith im Verlauf ihrer Ansprache erwähnte: „Ich habe keine Angst vor großen Gefühlen.“ Sie sehe deutlich, wie sehr die documenta den Kasselern am Herzen liege.

Mit ihrem 30-minütigen Vortrag, den sie mit ruhiger, wohlklingender Stimme vortrug, hielt sie eine erste Abmachung ein, die ihr der neue Kodex „Code of Conduct“ für die documenta und Museum Fridericianum gGmbH auferlegt hatte. Er sieht vor, dass die künstlerische Leitung innerhalb von drei Monaten nach ihrer Wahl öffentlich ihr kuratorisches Konzept vorstellt. Außerdem soll sie über ihre Haltung zu Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst informieren und erläutern, „wie sie die Achtung der Menschenwürde unter Wahrung der grundgesetzlich geschützten Kunstfreiheit gewährleisten will“.

Dieser Verhaltenskodex, der zuletzt auch zu kontroversen Diskussionen über die Einschränkung der Kunstfreiheit geführt hatte, gehört zu den elementaren Veränderungen, die die documenta-Gesellschafter, die Stadt Kassel und das Land Hessen, nach dem Antisemitismus-Skandal der documenta fifteen formuliert haben.

„I have no tolerance for racism and discrimination.“ Dieses Statement hatte die Kuratorin bereits während ihrer Vorstellung 2024 abgegeben. Jetzt betonte Naomi Beckwith (unter Applaus) erneut: Bei ihrer documenta 16 werde sie keinerlei Verleumdungen oder Voreingenommenheit tolerieren, insbesondere hinsichtlich der Herkunft, kulturellem Erbe, Religion, sexuellen Präferenzen, Orientierung des Geschlechts, finanziellem Status, Behinderungen und Familienkonstellationen. Sie sei offen für Debatten und Auseinandersetzungen, jedoch: „Ich werde keine physische, verbale oder symbolische Gewalt gegen andere dulden. Es gibt schon genügend Gewalt in der Welt“, fügte sie an.

Um die „Essenz ihrer kuratorischen Methodik“ zu vermitteln, hatte Naomi Beckwith ihren Vortrag charmant mit Privatem insbesondere zu ihrer Geburtsstadt Chicago, begonnen. Dort seien die Menschen „höflich, zuverlässig und gutmütig“, schwärmte sie. Sie sei dort inmitten der kreativen Energie der schwarzen Community aufgewachsen.

Geprägt von den „Ideologien des globalen Südens“ und verortet in der „Hegemonie des globalen Nordens“ möchte sie als Kuratorin die Puzzleteile der unterschiedlichen Visionen zusammenfügen, dabei aber die „inkohärente“ Weltlage nicht ausklammern.

Mit Hilfe welcher documenta-16-Künstlerinnen und -Künstler sie das umsetzen will? Das verriet sie natürlich noch nicht. Naomi Beckwith legte in ihrem Vortrag lediglich oszillierende Spuren, indem sie auf politische Beiträge vergangener documenta-Kunstschauen hinwies: beispielsweise auf Anselm Kiefers aufsehenerregende Arbeit „Märkischer Sand“ für die d7 (1980), in der er auf die Mythen deutscher Geschichte und den Nationalsozialismus anspielte. Oder auf die dokumentarische Videoinstallation von Naeem Mohaimen auf der documenta 14 (2017) über die Bewegung der blockfreien Staaten und ihre Spitzenkonferenz im Jahr 1973. 

Mit ihren Ausführungen weckte Naomi Beckwith bei ihrem Publikum schon jetzt Neugier, Interesse und Vorfreude. Auch OB Schoeller war angetan. Zur Stimmung in der Halle sagt er, sie antizipiere bereits das prickelnde documenta-Feeling. Die kommende documenta 16 verglich er mit einer Bergtour, und Naomi Beckwith rief er zu: „Take the lead and bring us to the top.“