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Interview mit Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller: Menschen wollen Verlässlichkeit

Interview mit Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller: Menschen wollen Verlässlichkeit

MEIN KASSEL hat mit Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller über Kassels Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2045 gesprochen.

Rund die Hälfte des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland entfällt auf den Wärmebereich – entsprechend groß ist das Potenzial, durch eine strategische Wärmewende CO₂-Emissionen nachhaltig zu senken und den Einsatz fossiler Energieträger Schritt für Schritt zu beenden. Hierzu sind alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohner aufgefordert, bis Ende Juni eine Wärmeplanung vorzulegen. Wo steht Kassel da im März 2026?

Die Wärmeversorgung ist ein ganz zentraler Hebel bei der Energiewende und auch bei dem Ziel der Klimaneutralität. Bei der Umstrukturierung der Wärmeversorgung sind sozusagen die meisten Punkte zu holen in Richtung Klimaneutralität. Wärmeplanung ist ein strategisches Instrument. Wir weisen Flächen aus, die für bestimmte Formen der Beheizung geeignet erscheinen. Das bedeutet, dass wir als Stadt, die über ein Fernwärmeheizsystem verfügt, feststellen, wo Fernwärme hinkommen kann, wo es Sinn macht und vor allem auch, das ist ein wichtiger Informationsgehalt, wo es keinen Sinn macht, wo es unwirtschaftlich ist. In diesen Stadtgebieten werden wir andere Formen der Wärmeversorgung haben, zum Beispiel Wärmepumpen. Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen Formen der zentralen Wärmeversorgung, wozu die Fernwärme und auch die Nahwärme zählen und sogenannten „Einzelbefeuerungsanlagen“, also einer individuell auf Gebäude bezogenen Wärmeversorgung. Dabei ist der Begriff der Einzelbefeuerung auf die Wärmepumpe nicht mehr passend, weil dort ja gerade kein Verbrennungsvorgang mehr stattfindet. Übrigens können Sie über die Seite der Stadtwerke unter Angabe Ihrer Adresse genau nachsehen, ob für Ihren Wohnort Fernwärme infragekommt. Das bieten viele Stadtwerke noch nicht an. Da ist Kassel bundesweit ganz vorne dabei.


Ist die Fernwärme in Kassel bereits CO₂-neutral?


Mit dem Umbau unseres Fernwärme-Heizkraftwerkes sind wir in einem relativ finalen Stadium. Ab der nächsten Heizperiode werden wir dieses Fernwärme Heizkraftwerk erstmals kohlefrei betreiben können. Die Kohle wird durch Klärschlamm ersetzt, aber auch durch Altholzverbrennung. Auch die Verbrennung von Müll durch das Müllheizkraftwerk wird in die Fernwärme eingespeist. Es ist nach wie vor ein Gasanteil in der Fernwärme mit enthalten, aber das Ziel ist eben, diesen fossilen Anteil peu à peu weiter zu reduzieren hin zu einer CO₂-Neutralität.

Wie kann sich die angekündigte Reform des Gebäudeenergiegesetzes auf die Planungen der Stadt Kassel auswirken?

Im ersten Schritt ist die Wärmeplanung eine Festlegung von Flächen seitens der Stadt, ohne unmittelbare Rechtsfolgen für die Menschen. Es gibt aber eine Verknüpfung von Wärmeplanung und dem aktuell geltenden Gebäudeenergiegesetz. Wenn die Wärmeplanung in Kraft tritt, bei uns wird das im Sommer der Fall sein, müssen – Stand heute – Heizsysteme für Neubauten wie auch Neueinbauten in Bestandsimmobilien zu mindestens 65% klimaneutral sein. In der Regel kann das mit Fernwärme, Nahwärme oder Wärmepumpen erfüllt werden. Die Reform des Gesetzes sieht nun eine Abkehr von der 65% Regel vor. Die Verbindlichkeit, dass neue Heizungssysteme weitestgehend erneuerbar sein müssen, entfällt also auch in Kassel.

Was bedeutet die Reform für die Bürgerinnen und Bürger?

Das neue Gesetz heißt Gebäudemodernisierungsgesetz. Es soll danach möglich sein, weiterhin mit Gas oder Öl zu heizen, also auch neue Gas- und Ölheizungen einzubauen. Es wird nur festgelegt, dass ein Anteil dieses Brennstoffs, Gas oder Öl, einen klimaneutralen Anteil aufweisen muss. Das startet – so mein Kenntnisstand – mit zehn Prozent Biomethan oder Bioöl ab 2029 und soll sich dann steigern. Das Ziel, dass 2045 das Heizen klimaneutral ist, bleibt aber bestehen. Die Frage, die sich stellt, ist: Wo kommen diese „grünen“ Brennstoffe her? Wo kommt sozusagen der Bio-Anteil in diesen Brennstoffen her? Und wie soll verhindert werden, dass Kundinnen und Kunden, die sich heute für solche Heizsysteme entscheiden, nicht irgendwann von den Kosten überfordert werden? Zumal diese Brennstoffe aller Voraussicht nach sehr knapp sein werden.  Was ist mit den Mieterinnen und Mietern, die bei der Entscheidung über das Heizsystem nicht beteiligt werden müssen, aber am Ende die Kosten tragen werden? Das sind Fragen, die bei der beschlossenen Reform des Gebäudeenergiegesetzes bislang nicht zufriedenstellend beantwortet sind. Deswegen steht das Änderungsgesetz auch in der Kritik. Viele Menschen haben sehr große Zweifel daran, dass jemals Bio-Brennstoffe in Form von Gas oder Öl in ausreichender Menge und zu bezahlbaren Preisen hergestellt werden können. – Was bedeutet das nun für uns in Kassel? Wir haben nach dem Wärmeplanungsgesetz unsere Wärmeplanung zu machen. Da sind wir auf Kurs und diese ist weiterhin eine wichtige Orientierungshilfe für die Heizungsentscheidung der Menschen. Unsere Wärmeplanung schaltet aber eben keine 65%-Regel mehr scharf. Unter der Voraussetzung, dass das Gebäudemodernisierungsgesetz tatsächlich in Form des Regierungsentwurfs vom Deutschen Bundestag beschlossen werden sollte, müssen wir auf der kommunalen Ebene überlegen, ob und wie wir auf andere Weise befördern können, dass Heizungsentscheidungen so getroffen werden, dass die Heizkosten auch langfristig noch tragbar sind. Im Hinblick auf die erheblichen Investitionsentscheidungen, die von den Städtischen Werken in Kassel, aber auch von Stadtwerken in ganz Deutschland, sowie auch von jedem Unternehmer und Gebäudeeigentümer zu treffen sind, wäre eine grundsätzliche Richtungsentscheidung hilfreich, die die Kosten des Heizens in den kommenden Jahren planbar macht. Die Planbarkeit wird sich mit einem Gebäudemodernisierungsgesetz jedoch verschlechtern, und für die Stadtwerke kommt hinzu, dass man über längere Dauer parallel mehrere Heizinfrastrukturen, nämlich das Gasnetz und das Fernwärmenetz, betreiben und auch bezahlen muss.

Wie ist es zu schaffen, die Menschen trotz aller Verunsicherungen auf den Weg zur Energiewende mitzunehmen?

Wir wollen und müssen möglichst schnell in Richtung Klimaneutralität kommen. Wir wollen und müssen auch in eine Richtung kommen, die uns unabhängig macht von den Lieferanten und auch den Lieferantenstaaten fossiler Brennstoffe. Und da sehen wir jetzt aktuell ganz besonders wieder die Auswirkungen. Jeder merkt jetzt an der Tankstelle, wie die Spritpreise hochgehen, weil auf ganz anderer politischer Ebene in den USA die Entscheidung getroffen wurde, den Iran anzugreifen und der Iran darauf reagiert hat und die Straße von Hormus abgeriegelt wird. Wir wollen als Land, als Staat auch nicht erpressbar sein von außen, von autoritären Staaten oder von Staaten, die sich autoritär entwickeln, denn das hat natürlich unmittelbaren Einfluss darauf, wie wir hier künftig leben. Die Preisentwicklung für fossile Brennstoffe ist nicht nur volatil, wie wir jetzt an den Tankstellen und der Preisentwicklung im Übrigen merken, sondern sie wird tendenziell dauerhaft weiter nach oben gehen, das gilt dann natürlich auch für die Wärmesysteme. Und diejenigen, die am Ende die Betriebskosten zahlen, also z. B. die Mieterinnen und Mieter, die werden natürlich davon am meisten betroffen sein und können in eine Kostenfalle geraten, sollten jetzt künftig noch weiter Gasheizungen installiert werden.

Worin sehen Sie die größten Hürden beim Erreichen der Klimaneutralität bis 2045?

Die bundespolitischen Rahmensetzungen sind das, was uns das größte Kopfzerbrechen bereitet und die daraus resultierende Verunsicherung in der Bevölkerung. Ich glaube, die größte Schwierigkeit und die größte Hürde beim Erreichen der Klimaneutralität ist, dass die Menschen nicht wissen, wo es wirklich hingeht. Durch die ständig wechselnden Gesetze wissen viele Menschen nicht, welches Heizsystem sie im Falle eines Ausfalls wählen sollen, wann sie investieren sollten und wie hoch diese Investition ausfallen sollte. Die Unsicherheit wird zusätzlich verstärkt, weil unklar ist, wie sich die Kosten der verschiedenen Energieträger künftig entwickeln werden. Dazu gehören Gas und Öl ebenso wie die Kosten für Fernwärme oder eine Wärmepumpe, insbesondere wenn man auch die Investitionskosten berücksichtigt.

Der Stromverbrauch in Nordhessen wird sich bis 2045 bei Wärmepumpen und E – Mobilität versiebenfachen. Windenergie ist im Kasseler Stadtgebiet aufgrund der engen Bebauung nicht möglich. Der Klimaschutzrat der Stadt Kassel hat ermittelt, dass in Nordhessen zusätzlich 60–70 Windräder mit je 5 Megawatt Leistung errichtet werden müssen, um das Erneuerbare-Energien-Ziel der Stadt Kassel zu erreichen. Wie wird die Stadt sich auf diesem Feld engagieren?

Wir beteiligen uns ja über die städtischen Werke jetzt schon an entsprechenden Projekten und Windkraftanlagen. Es ist ein strategisches Ziel, dass wir das künftig weitergehend und intensiver betreiben werden. Wir erarbeiten einen Klimafahrplan für die Stadt Kassel, und der sieht eben auch vor, wie viele Windkraftanlagen benötigt werden, um letztlich und endlich das Ziel der Klimaneutralität Kassels zu erreichen.

Der Mobilitäts-Sektor verursacht rund ein Fünftel aller CO₂-Emissionen in Kassel. In der Themenwerkstatt „Mobilität“ des Klimaschutzrates der Stadt Kassel wird erarbeitet, wie energieeffiziente und klimafreundliche Verkehrsmittel (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr, Sharing Mobility) gefördert werden können. Wo steht Kassel da 2026?

Das ist in der Tat ein weiterer großer Hebel und wir arbeiten die Strategie in dem Bereich Verkehr in den Klimafahrplan der Stadt Kassel ein. Daraus wird sich ergeben, was es an Maßnahmen erfordert, um auch in diesem Bereich die notwendigen Treibhausgasreduktionen zu erreichen. Man wird aber auch dort sehen, dass das nicht alles in den Händen der Stadt Kassel liegt, sondern dass vieles davon in den Händen übergeordneter administrativer und politischer Bereiche liegt, insbesondere bei der Bundespolitik. Als Stadt bauen wir die Infrastruktur für umweltfreundliche Verkehrsmittel aus. Das ist ein Feld, das immer wieder und auch aktuell kritischer Betrachtung unterliegt. Denken wir nur mal an das Thema Tempo 30. Deswegen gehen wir das auch mit einer sehr pragmatischen und sensiblen Sicht an. Für uns gilt, dass in einer Großstadt der Verkehr für alle Verkehrsarten funktionieren muss. Wir sehen aber, dass es erhebliche Potenziale und auch Bedarfe gibt, umweltfreundliche Verkehrsarten attraktiver zu gestalten. Zum Beispiel haben wir die Hauptroute des Radverkehrs vom Kasseler Westen in die Innenstadt über das Königstor ausgebaut. Das hat es so bislang in Kassel noch nicht gegeben, dass man eine Straße sozusagen für den Autoverkehr sperrt, auch physisch sperrt, nicht nur durch ein Schild. Beim ÖPNV haben wir zuletzt die Zeiten nochmal ausgeweitet. Wir haben das Schlossplateau inzwischen mit dem Busverkehr erschlossen. Dann ist da das Projekt Herkulesbahn oder auch die Idee, den Steinweg mit einer Straßenbahn zu versehen, die Trompete mit dem Altmarkt zu verbinden. All das sind Projekte, die denkbar sind und die den ÖPNV voranbringen können. 

Es gibt ja von vielen Seiten die Forderung, den ÖPNV kostenfrei zu machen. Ist das realistisch?

Das wäre natürlich ein paradiesischer Zustand, aber er ist schlicht und ergreifend nicht bezahlbar. Es ist jetzt schon ein erhebliches Defizitgeschäft, rein ökonomisch betrachtet, für jede Stadt, die Träger des öffentlichen Personennahverkehrs ist und die entsprechenden Verkehrsunternehmen. Der Zuschussbedarf würde im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen. Wo soll das Geld herkommen?

Wie hoch ist die finanzielle Investition der Stadt Kassel für die Energiewende?

Allein auf die Wärmeplanung bezogen wird sich das im mittleren bis hohen dreistelligen Millionenbereich bewegen. Genau ist es noch nicht zu beziffern, man muss z. B. noch einzuwerbende Förderungen entgegenrechnen. Wir sind beispielsweise in der Planung eines Vorhabens, das wir mit dem Begriff „Saisonaler Wärmespeicher“ versehen. Das muss man sich vorstellen wie ein gigantisches, wassergefülltes Erdbecken, das abgedeckt wird, das auch begehbar sein wird, wo man dann auch noch eine Solaranlage draufsetzen kann. Wir sprechen da über eine Fläche von 6 Hektar, die erforderlich ist, um diesen Erdbeckenspeicher zu setzen. Im Sommer haben wir zu viel Wärme durch das Fernwärmeheizkraftwerk, die wird im Prinzip in die Fulda abgeleitet. Diese überschüssige Wärme kann man in einem solchen großen Erdbeckenspeicher speichern und sie dann im Winter, wenn sie benötigt wird, ins System einspeisen. Das ist ein Projekt, das gibt es in dieser Größenordnung bislang weder in Deutschland noch sonst in Europa. Aktuell läuft ein Förderverfahren gegenüber dem Bund, das noch zu entscheiden sein wird.

Ein Blick in die Zukunft – wie sieht – das klimaneutrale – Kassel 2045 aus?

Es wird eine Stadt sein, die noch grüner wird als ohnehin schon. Ich glaube, wir werden auch Veränderungen sehen in der Nutzung der öffentlichen Verkehrsflächen. Es wird eine Steigerung an Lebensqualität in der Stadt bedeuten, die auch sichtbar sein wird. Wir sehen Solaranlagen, wir sehen mehr Radfahrer, wir sehen vielleicht mehr Fußgänger, wir sehen weniger Autos, auf den öffentlichen Verkehrsflächen. Wir sehen mehr Straßenbahnen, wir sehen Elektrobusse. Wir werden einen deutlichen Ausbau der Fernwärme sehen, und wir sehen in den Gebieten, wo es die Fernwärme nicht gibt, in jedem Fall mehr Wärmepumpen.