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Mehmet Güler „Im Rausch der Farben“

Mehmet Güler „Im Rausch der Farben“

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Individuelle künstlerische Klasse und ein beeindruckend weitgefächertes Werk: Dafür genießt der Kasseler Künstler Mehmet Güler hohes Ansehen in der Stadt und weltweit.

Wer einmal Bilder von Mehmet Güler gesehen hat, wird diesen Eindrucknicht mehr vergessen. Diese Farben, diese Kraft. Intensivstes Rot, ebenso leuchtendes Blau, dazu andere nicht minder starke Farbgebungen.

Nicht zufällig trägt eines der zahlreichen Bücher über Gülers Kunst den Titel „Im Rausch der Farben“. Das ist der erste Eindruck. Und je mehr man sich den Bildern nähert, je genauer man sie in Augenschein nimmt, desto mehr Aspekte seiner Kunst treten hinzu. Farbflächen wechseln mit feinen Pinselstrichen und punktuellen Farbaufträgen. Sie kontrastieren und ergänzen sich. Wer noch genauer hinsieht, entdeckt fein gezeichnete Linien, versteckte kleine Aktskizzen, feine Wörter und Sätze mit literarischen Anspielungen aus der klassischen Literatur. Doch losgelöst von stilistischen Gemein-samkeiten kommen stets individuelle Dynamik und Ausdruck hinzu, die jedes Bild zu einem einzigartigen Kunstwerk machen. So entsteht ein Werk von unterschiedlichsten Stimmungen und künstlerischen Aussagen.

Mehmet Güler wurde 1944 im ostanatolischen Malatya geboren, und nach Kunst-Studien an der Gazi-Universität in Ankara und an der Kasseler Kunsthochschule nahm er zunächst eine Lehrtätigkeit an der Gazi-Universität an. Aufgrund schwieriger politischer Verhältnisse beschloss er 1977, sich als freischaffender Künstler mit seiner Familie in Kassel niederzulassen. Dies sind die nüchternen Fakten, doch welche spannende, ja abenteuerliche Lebensreise sich dahinter verbirgt, kann hier nur angedeutet werden. Bildende Kunst gab es im dörflichen Umfeld seiner Kindheit nicht, ja, gegenständliche Zeichnungen und Malerei waren für traditionell Islamgläubige eine Sünde und verboten. In seiner Autobiografie „Vergangenheit in der Sonne“ beschreibt Mehmet Güler anschaulich, wie ihn ein Imam wegen seiner kindlichen Lust am Zeichnen streng tadelte. Wie Güler dennoch seinen einzigartigen künstlerischen Lebensweg einschlug, veranschaulicht er in diesem Buch. Denn nichts sprach in dieser dörflichen Welt, die anfangs noch keine Elektrizität und fließendes Wasser kannte, für eine Zukunft in einem künstlerischen Beruf. Doch Gülers Drang, sich durch Zeichnen und Malen auszudrücken, überwand alle Hindernisse. Über eine Schulzeit in einem Internat, wo sein Ta-
lent gefördert wurde, führte ihn sein Weg zum Studium der Kunst, zu eigener Lehrtätigkeit und schließlich zur Künstler-Karriere in Deutschland.

Heute ist Mehmet Güler nicht nur einer der profiliertesten in Kassel lebenden Kunstschaffenden, er zählt gleichzeitig zu den wichtigsten türkischen Künstlern der Gegenwart.

Reisen und Ausstellungen führen ihn immer wieder in die alte Heimat. Sein umfangreiches Werk, das sich in mehr als 200 Ausstellungen und 30 Buch-Publikationen dokumentiert, ist einzigartig in seiner Vielfalt. Während Güler anfangs vor allem Holzschnitte mit Motiven seiner Heimat schuf, dominierten, die insbesondere die dortigen schwierigen Verhältnisse und Armut thematisierten, gewannen die Ölmalerei und andere künstlerische Formen zunehmend an Bedeutung. Aus der zunächst gegenständlichen Malerei entwickelte Güler vor allem in seiner Kasseler Zeit eine eigenständige expressive und abstrakte Form. Dazu kamen als Erweiterung seines künstlerischen Spektrums Radierungen, Lithografien und Mischtechniken, etwas später auch skulpturale Werke, vor allem Holzarbeiten und zweidimensionale Stahlskulpturen.

Vor seinem Haus, das er 1988 in Wilhelmshöhe bauen ließ, und das 1998 durch einen Atelieranbau erweitert wurde, steht eine dieser Stahlskulpturen, die ihn als einen Künstler ausweist, der zwei Welten, Orient und Okzident, in einen Dialog bringt. Dargestellt durch zwei menschliche Profile, die diesen Austausch symbolisieren. Dieser Lebensort ist nicht nur ein künstlerisches Domizil, sondern auch ein Ort des familiären Lebens. Für ihn und seine Frau Meryem, die Tochter Günseli und den Sohn Ergin – und inzwischen auch ein Enkelkind – ist dieses Haus ein Familienort und ein Ort des künstlerischen Schaffens zugleich.

Wer mit Mehmet Güler spricht und ihn in seinem geräumigen Atelier voller Farben und Material erlebt, spürt den enormen Schaffensdrang, der ihn auch mit 82 Jahren noch erfüllt.

Nach Kassel zu kommen bedeutete für Mehmet Güler, eine neue Heimat zu finden. Die ruhige Wohngegend schätzt die Familie ebenso wie die künstlerisch lebendige, gleichwohl nicht zu große Stadt Kassel. Wie sehr Güler und seine künstlerische Arbeit in der Stadt wahrgenommen werden, zeigt symbolisch die Verleihung der goldenen Ehrennadel an den Künstler im Jahr 2014.

Ein besonderer Höhepunkt war eine große Ausstellung der Arbeiten Gülers in der documenta-Halle im Jahr 2019, die von der damaligen Vizepräsiden-
tin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth, eröffnet wurde. Im selben Jahr wurde auch ein Gemälde Gülers für die Artothek des Deutschen Bundestages angekauft. Werke von Güler sind unter anderem in der grafischen Sammlung von Schloss Wilhelmshöhe und im Sepulkralmuseum präsent. Bei soviel Wertschätzung ist es einigermaßen ungewöhnlich, dass der Gülers Kunst im öffentlichen Raum Kassels bisher wenig präsent ist. Von der großen Freude, die ihm die künstlerische Arbeit bereitet, spricht Güler dann. Oft male er von morgens früh den ganzen Tag über. Dabei geht der Gestaltung der Bilder meist eine intensive Phase der Überlegung und der Konzeption voran. Manchmal dauert es Tage, bis sich für Güler eine künstlerische Idee so weit konkretisiert, dass er mit der Ausführung beginnen kann. Und auch eine Arbeit abzuschließen, ihr eine Form zu geben, die für den Künstler schlüssig ist, kann ein längerer Weg sein. In diesen Prozess fließen viele Aspekte ein. Während die farbliche Intensität seiner Werke oft mit Prägungen durch südliche Landschaften und das Klima seiner ursprünglichen Heimat in Verbindung gebracht wird, ist die eigentliche Bildgestaltung in starkem Maße durch seine Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte und Literatur geprägt. Bildtitel wie „Ich und Heine“ sind typisch und verweisen auf Gülers literarische Erfahrungen und Inspiration.

Künstlerische Arbeit kann auch ein einsamer Prozess sein. Unterstützung erfährt Mehmet Güler aber reichlich. Nicht nur durch seine Frau Meryem, die selbst nach ihrer aktiven Zeit als Lehrerin diverse soziale Projekte unterstützt. Auch sein Umfeld in Kassel und weit darüber hinaus, ist eine Quelle der Inspiration. Ein abgekapselter Künstler war Mehmet Güler nie. Gleichwohl einer, der unbeirrt seinen kreativen Weg geht. Und es wird spannend sein zu erleben, wohin dieser Weg ihn weiterführt.