+1 Interview mit Dr. Norbert Wett und Oliver Höppner: Kassel ist eine Reise wert
Mehr als ein Tagesausflug
Kassel hat viel zu bieten. Museen, Parks, große Veranstaltungen – auch wenn keine documenta ist. Aber wie vermittelt man diese Attraktivität national oder auch international? Mein Kassel hat mit Dr. Norbert Wett, Dezernent für Bürgerangelegenheiten, Soziales, Digitalisierung und Tourismus, und mit Oliver Höppner, Geschäftsführer Kassel Marketing, über die touristische Entwicklung der Region gesprochen.
MEIN KASSEL: Welche Rolle spielt das Thema Tourismus für die Stadt Kassel?
Höppner: Tourismus ist für Kassel ein wichtiger Standortfaktor – wirtschaftlich, kulturell und auch für die Lebensqualität in der Stadt. Gäste, die nach Kassel kommen – sei es als Urlaubsgast oder als Geschäftsreisender/Kongress- oder Messebesucher –, übernachten in unseren Hotels, und besuchen Gastronomie, Einzelhandel, Museen, Veranstaltungen und Freizeiteinrichtungen. Davon profitiert auch die Kommune, u. a. durch zusätzliche Steuereinnahmen. Der Tourismus schafft zudem Jobs in der Region sowie in der Stadt. Insgesamt sorgt er für eine jährliche Wertschöpfung in Höhe von ca. 700 Mio. Euro in Kassel. Dies hat zuletzt auch eine aktuelle Studie mit Daten aus dem Jahr 2024 des DWIF (Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr) bestätigt. Gleichzeitig ist Tourismus für uns auch ein Imagefaktor, denn über den Tourismus erzählen wir, was die Stadt ausmacht, was sie attraktiv macht, warum man hierherkommen sollte. Kunst, Kultur, Welterbe, das sind natürlich alles die Themen, die vorne stehen. Und Kassel ist weit mehr als ein Tagesausflugsziel – unser Anspruch ist, die Stadt als attraktives Reiseziel mit eigenem Profil noch stärker sichtbar zu machen. Zugleich besteht dabei aber auch die Verbindung in und mit der Region, der Grimmheimat Nordhessen. Eine höchst attraktive und gut aufgestellte touristische Destination in Deutschland.
Wett: Tourismus ist auch ein Stadtentwickler. Denn all das, was wir für den Tourismus machen, kommt auch den Menschen, die hier leben, zugute. Ob wir jetzt in Grünanlagen investieren oder eben in unser Welterbe, Mobilität, öffentliche Räume, das alles ist ja auch für unsere Kasselerinnen und Kasseler da. Tourismus ist eine Querschnittsaufgabe und deswegen nicht isoliert zu betrachten, sondern da kommen Kultur, Wirtschaft, Stadtentwicklung, Mobilität und auch der Gesundheitsstandort zusammen. Die von Herrn Höppner genannte Wertschöpfung von rund 700 Millionen Euro jährlich zeigt, dass Tourismus längst kein Randthema mehr ist. Deshalb ist es richtig, dass Kassel auch künftig in touristische Infrastruktur investiert.
Was sind die drei wichtigsten Faktoren beziehungsweise die relevantesten Player?
Wett: Erstens: die starken touristischen Anziehungspunkte, Profilthemen. Dazu gehören der Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules als UNESCO-Welterbe, die Museumslandschaft, die documenta-Tradition, die Karlsaue, die Grimmwelt und viele weitere Kultur- und Freizeitangebote. Zweitens: die touristische Infrastruktur. Also Hotellerie, Gastronomie, Tagungs- und Veranstaltungsorte, Mobilität, Servicequalität und digitale Information. Ein gutes, attraktives Reiseziel entsteht nicht durch ein einzelnes Highlight, sondern durch das Zusammenspiel vieler Angebote.
Höppner: Drittens: die Zusammenarbeit der Akteure. Kassel Marketing versteht sich hier als verbindende und koordinierende Stelle. Wir bringen im Rahmen unserer vier Profilthemen „Kunst & Kultur“, „Shopping & Genuss“, „Entspannung & Regeneration“ sowie „MICE“ die Stadt, Kulturinstitutionen, Hotellerie, Gastronomie, Veranstalter, Einzelhandel und regionale Partner zusammen, damit Kassel als Gesamtangebot wahrgenommen wird. Wichtig ist dabei, dass nicht jeder nur sein eigenes Angebot kommuniziert, sondern dass wir gemeinsame Geschichten erzählen. Ein Gast entscheidet sich selten nur wegen eines einzelnen Programmpunktes für eine Reise. Er möchte wissen: Was kann ich dort erleben? Wie komme ich hin? Was mache ich am Abend? Lohnt sich ein Wochenende? Genau hier setzen Kooperationen an.
Wie sieht das Konzept aus, mit dem die Übernachtungszahlen auf 1,3 Millionen anwachsen sollen?
Wett: Das Ziel von 1,3 Millionen Übernachtungen ist ambitioniert, aber es zeigt die Richtung: Kassel soll touristisch stärker wachsen und als Reiseziel überregional noch sichtbarer werden. Im Jahr 2025 lagen die Übernachtungszahlen bei rund 890.000. Das Thema Hotel ist der Dreh- und Angelpunkt, um die Übernachtungszahlen zu steigern. Zuletzt hat Kassel an Kapazitäten verloren. Mit gleich vier neuen Hotelangeboten wird sich das 2027 ändern und es werden neue Kapazitäten geschaffen: Das ehemalige Intercity Hotel am ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe eröffnet nach der gut einjährigen Kernsanierung wieder als B&B Hotel (150 Zimmer), dann kommt ein Holiday Inn Express nach Kassel in die Innenstadt (140 Zimmer), ein weiteres B&B Hotel eröffnet am Kulturbahnhof (130 Zimmer) und ein Premier Inn Hotel eröffnet Mitte 2027 in der Kurfürstengalerie direkt in der Innenstadt mit 160 Zimmern. Es tut sich also einiges in absehbarer Zeit! Wir wissen das aus anderen Städten: Wenn neue Hotels dazukommen, steigen die Übernachtungen meistens auch überproportional, was genau durch diese zusätzlichen Werbeeffekte zustande kommt. Und natürlich müssen sich alle hier vor Ort anstrengen.
Höppner: Und das ist genau das, was Herr Wett ansprach. Einige Hotelbetriebe sind in die Jahre gekommen, haben Sanierungsstau und es ist ein Mega-Wettbewerb da, gerade mit vergleichbaren Städten wie Kassel. Und da braucht es auch die relevanten Hotelkapazitäten in dem relevanten Qualitätsstandard, damit die Leute kommen und auch dann weitererzählen, da kannst du hinfahren.
Wett: Außerdem müssen wir Kassel stärker als Kurzreiseziel positionieren – insbesondere für Kultur-, Städte- und Naturtourismus. Der Bergpark, das UNESCO-Welterbe, die Museumslandschaft, die documenta-Historie, die Grimm-Bezüge und die grünen Stadträume bieten dafür eine sehr gute Grundlage. Ein weiterer Faktor ist der Ausbau des Tagungs- und Kongressgeschäfts. Geschäftsreisen, Kongresse und Veranstaltungen sorgen für zusätzliche Übernachtungen, gerade auch außerhalb klassischer Ferienzeiten. Und Ziel muss es sein, Angebote besser zu bündeln: klare Reiseanlässe, saisonale Kampagnen, digitale Sichtbarkeit und eine noch stärkere Zusammenarbeit mit Hotels, Kultur, Gastronomie und Region. Kassel muss für potenzielle Gäste einfacher verständlich und emotional attraktiver werden.
Gibt es Ideen für nationale Werbekonzepte? Oder: Wie erfährt ein Nürnberger, Kieler oder Hannoveraner von Kassels Highlights? Hannover zum Beispiel arbeitet mit einem Journal, das in anderen Städten – wie auch in Kassel – in den Briefkästen der Bürgerinnen und Bürger landet.
Höppner: Wir sind ein bisschen zielfokussierter unterwegs, gucken eher nach den Zielgruppen, um sie dann auch möglichst direkt anzusprechen. Ein Nürnberger fährt heute nicht mehr zufällig nach Kassel – wir müssen ihn dort erreichen, wo er Reiseentscheidungen trifft. Das passiert vor allem digital: über Suchmaschinen, Social Media, Reiseplattformen, redaktionelle Beiträge, Newsletter, Bewegtbild und gezielte Kampagnen. Nationale Werbung muss dabei nicht heißen, überall gleichzeitig präsent zu sein. Entscheidend ist eine kluge Zielgruppenansprache. Wer sich für Kulturreisen interessiert, muss Kassel mit Welterbe, Museen und documenta-Geschichte verbinden. Wer Natur und Stadt kombinieren möchte, muss Kassel als grüne Kulturstadt wahrnehmen. Wer ein Wochenende plant, muss sofort verstehen: Kassel ist gut erreichbar, bietet starke Erlebnisse, wie z. B. die beleuchteten Wasserspiele, und lohnt sich für zwei oder drei Tage. Unser Ziel ist es, Kassel nicht nur als geografischen Ort zu kommunizieren, sondern als konkretes Reiseversprechen: Kultur, Welterbe, Natur, Erholung, Kurangebote und Stadtleben in einer besonderen Kombination.
In der Innenstadt schließen immer mehr inhabergeführte Läden. Gerade die machen aber Shopping attraktiv – auch für Touristen.
Höppner: Ja, das wird erwartet. Da muss Kassel sich auch weiterentwickeln. Der Zustand, so wie er ist, ist nicht gut. Das haben alle Akteure erkannt. Die Stadt etwa wirkt dort schon länger dagegen und setzt Akzente. Denken Sie an das ruruHaus. Es passiert etwas und man hat Nutzungskonzepte.
Wie wirken sich touristische Highlights der Stadt auf den Tourismus in der Region aus – und umgekehrt?
Wett: Die Zusammenarbeit zwischen Kassel und der Region wird künftig noch wichtiger werden. Gäste planen heute keine Reise entlang von Verwaltungsgrenzen, sondern entlang von Erlebnissen. Genau darin liegt eine große Stärke Nordhessens: die Verbindung einer attraktiven Kulturstadt mit einer vielfältigen Urlaubs- und Naturregion. Deshalb ist die enge Zusammenarbeit mit der GrimmHeimat NordHessen für uns von großer Bedeutung. Kassel profitiert von der touristischen Stärke der Region und die Region von den kulturellen Leuchttürmen der Stadt. Viele Gäste kommen wegen des Bergparks Wilhelmshöhe, der documenta oder der GRIMMWELT nach Kassel und entdecken anschließend die Region. Umgekehrt besuchen Urlaubsgäste aus Nordhessen häufig auch Kassel während ihres Aufenthaltes. Die stärkere Verknüpfung von Deutscher Märchenstraße, GrimmHeimat NordHessen und Kassel eröffnet die Chance, internationale Gäste gezielter anzusprechen, gemeinsame touristische Angebote zu entwickeln und die Aufenthaltsdauer zu verlängern. Positiv für unsere Gäste ist dabei auch die MeineCardPlus: Übernachtungsgäste können mehr als 140 Freizeitangebote – darunter die Kurhessentherme, das Staatstheater und die GRIMMWELT – kostenfrei nutzen und gleichzeitig den ÖPNV in ganz Nordhessen ohne zusätzliche Kosten fahren.
Welche Rolle spielt der ÖPNV? Stichwort „Herkulesbahn“.
Wett: Die bessere Anbindung des Herkules ist für Kassel touristisch von zentraler Bedeutung. Der Herkules und der Bergpark Wilhelmshöhe sind unser wichtigstes touristisches Wahrzeichen und müssen für Gäste komfortabel, verständlich und attraktiv erreichbar sein. Daher kommt nur eine moderne Bahn infrage, für die eine neue Trasse gebaut werden muss. Ich persönlich sehe in einer Seilbahn große Chancen. Sie wäre nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern selbst ein touristisches Highlight und könnte den Besuch des Bergparks um ein besonderes Erlebnis ergänzen. Gerade angesichts knapper werdender öffentlicher Mittel ist zudem interessant, dass eine solche Herkules-Seilbahn meiner persönlichen Meinung nach privatwirtschaftlich finanziert und betrieben werden könnte. Selbstverständlich kann ein solches Projekt nur dann weiterverfolgt werden, wenn Welterbe-, Natur- und Denkmalschutz vollständig berücksichtigt werden. Ich habe deshalb mit Anbietern Kontakt aufgenommen, die vergleichbare Projekte bereits erfolgreich mit solchen Anforderungen in Einklang gebracht haben.
Hat Kassel genügend Event-Lokalitäten? Macht die neue Probonio-Arena dem Kongress Palais Konkurrenz?
Höppner: Kassel verfügt bereits über starke Veranstaltungsorte – vom Kongress Palais über Kulturorte bis hin zu Messe- und Eventflächen. Die Frage ist weniger, ob ein neuer Ort automatisch Konkurrenz bedeutet, sondern wie sich die verschiedenen Standorte sinnvoll ergänzen. Die neue Probonio-Arena ermöglicht zusätzliche Formate, die bisher vielleicht nicht oder nur eingeschränkt in Kassel stattfinden konnten – etwa größere Shows, Sportveranstaltungen oder Konzerte – und erweitert und ergänzt somit das Angebot. Das ist eine echte Bereicherung und Attraktivitätssteigerung – sowohl für die Einwohnerinnen und Einwohner als auch für Gäste! Das Kongress Palais hat dagegen ein eigenes Profil im Bereich Tagungen, Kongresse, gesellschaftliche Veranstaltungen und hochwertige Kulturformate. Es zählt mittlerweile zu den Top-Kongress-Locations in Deutschland im Bereich von Kongressen bis 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Wett: Aus touristischer Sicht ist ein breites Angebot an Veranstaltungsorten grundsätzlich positiv. Es schafft Reiseanlässe, bringt Gäste in die Stadt und stärkt Kassel als Veranstaltungsstandort. Entscheidend ist, dass die Häuser klar positioniert sind und gemeinsam zur Attraktivität des Standorts beitragen. Vor dem Hintergrund gibt es in Kassel durchaus noch Platz für eine mittelgroße, rustikale Kulturspielstätte mit Club-Atmosphäre.