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Interview mit Moritz Wein: Arolsen Archives – Spuren auf vergilbtem Papier

Interview mit Moritz Wein: Arolsen Archives – Spuren auf vergilbtem Papier

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Es ist eine Zahl des Grauens, aber die Akten machen auch Schicksale lebendig: Mehr als 30 Millionen Originaldokumente über Holocaust-Opfer, Zwangsarbeitende und Überlebende des NS-Regimes bewahren die Arolsen Archives in Bad Arolsen. Seit 2019 so genannt, vorher hießen sie International Tracing Service (ITS).

Die Zentrale Namenskartei (ZNK) verzeichnet 17,5 Millionen Namen. Jedes Jahr erreichen das Archiv mehrere zehntausend Suchanfragen aus circa 70 Ländern, 2025 waren es rund 30.000 Anfragen. Seit 2013 ist der Bestand UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die Dokumente erzählen von Verfolgung, Deportation, Zwangsarbeit, und sie erzählen von Menschen. Ende der 90er Jahre wurde die ZNK digitalisiert. Jahrzehntelang ist die Kernaufgabe der Einrichtung, Schicksale zu klären und Vermisste zu suchen. 99 Prozent der Unterlagen aus Arolsen sind inzwischen online zugänglich. Der neue Direktor Moritz Wein versteht die Arbeit der Arolsen Archives nicht nur als Rückblick, sondern auch als aktive gesellschaftliche Aufgabe in der Gegenwart in einer Zeit, in der demokratische Werte zunehmend unter Druck geraten. MEIN KASSEL hat Moritz Wein zum Gespräch getroffen.


Herr Wein, Sie führen durch Magazine, in denen sich Papier bis zur Decke stapelt. 30 Millionen Dokumente, 17,5 Millionen Schicksale. Gibt es einen Moment in diesem Archiv, der Ihnen physisch den Atem genommen hat? Ein besonderes Schicksal.

Da berühren mich derzeit vor allem die Schicksale, in denen wir nicht unterstützen können. Beispielsweise die Akte von Fiorella Anticoli aus 1950, der Vater sucht nach seiner Tochter. Die Spur der zweijährigen Italienerin verliert sich am Deportationsweg nach Auschwitz. In den betroffenen Familien bleiben offene Wunden und offene Fragen.

81 Jahre nach Kriegsende verzeichnen Sie einen Rekord an Anfragen. Wir leben in einer Zeit der Identitätssuche und der Künstlichen Intelligenz. Was suchen die Menschen 2026 in den Akten ihrer Großeltern – Daten oder Erlösung?

Wir haben aktuell die höchste Anfragenzahl seit mehr als 20 Jahren. Und wir erklären das aus unterschiedlichen Perspektiven. Das sind derzeit jedoch nur Vermutungen, keine gesicherten Daten. Eine Vermutung ist, dass viele Anfragen von und zu sogenannten Child Survivors kommen. Das sind jene Kinderüberlebende, die während der NS-Verfolgung klein waren. Sie sind jetzt Ende 80, Anfang/Mitte 90, und sie beschäftigen sich das erste Mal intensiver mit ihrer Geschichte. Oft auf Fragen der Enkel und Urenkel. Und bei uns sind es eben meistens dann diese Kinder und deren Enkel und Urenkel, die Anfragen stellen. Wir helfen bei der Suche, das ist unsere humanitäre Aufgabe. Wir führen auch noch Familien zusammen. Im letzten Jahr waren es fünf. 

Wie geht man vor bei dieser Recherche? Telefonisch, digital, mündlich?

Da gibt es zwei Wege. Wir haben ein Online-Archiv. Es ist sehr niederschwellig recherchierbar. Ohne Anmeldung, ohne archivarisches Wissen, und es wird auch extrem gut besucht. Wir hatten im vergangenen Jahr über 800.000 Suchanfragen allein im Online-Archiv. Dies ist immer der schnellste Weg, an Informationen zu gelangen. Personen können aber auch noch über ein Suchformular auf unserer Website Anfragen stellen. Auf diesem Weg haben uns 2025 mehr als 30.000 Anfragen erreicht. An diesen Recherchen arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in festen Teams. Bei uns beschäftigen sich um die 60 Personen mit der Suche nach Personen. Wir bezeichnen diesen Vorgang als Tracing.

Sie haben doch auch diese Aktion „Stolen Memories“. Was genau versteht man darunter?

Wir verwahren in unserem Archiv nicht nur Dokumente, sondern auch sogenannte Effekten, die den Verfolgten des Nationalsozialismus bei der Ankunft in den Konzentrationslagern gestohlen wurden: höchst persönliche Dinge wie Familienfotos, Briefe, Ringe, Uhren und dergleichen. Unser Auftrag ist es, diese an die Angehörigen zurückzugeben. Dies machen wir im Rahmen von #StolenMemory.

Wie gelingt Ihnen das, wie gehen Sie da vor?

Wir haben diese Kampagne vor einigen Jahren gestartet. Bei der Suche unterstützen uns internationale Freiwillige. In Bad Arolsen zeigen wir eine Ausstellung vor unserem Hauptgebäude zu #StolenMemory. Wichtig sind aber vor allem unsere Wanderausstellungen. Wir verfügen über vier Übersee-Container, in denen die Ausstellung durch Europa tourt. In der Ukraine zeigen wir seit diesem Jahr Plakatausstellungen. Bislang wurden in Deutschland 150 Ausstellungsorte besucht. So ist #StolenMemory an vielen Orten in Europa präsent.  

Bald wird es niemanden mehr geben, der sagen kann: „Ich war dabei.“ Was passiert mit der Wahrheit, wenn sie nur noch auf Papier steht? Wird aus  dem Archiv irgendwann nur noch Beweissicherung? 

Unsere Aufgabe ist es, in Zeiten von KI und Geschichtsverfälschung online die historische Wahrheit über die NS-Verbrechen hochzuhalten. Das ist unsere Aufgabe. Und da kommt einem Archiv in dieser Zeit eine besondere Rolle zu, nämlich, dieses Wissen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Über Bildungsarbeit, über Öffentlichkeitsarbeit, aber ganz besonders über die Öffnung und Zugänglichmachung unseres Archivs. Wir planen derzeit auch einen Archivneubau, der ab 2028 unseren Dokumenten zur Verfügung steht und damit dieses Erbe über Generationen bewahrt. Der Neubau hat Platz für etwa 20 laufende Kilometer.


Mögen Sie die Kosten für den Neubau sagen, und wie lässt sich das finanzieren?

Die Arolsen Archives haben eine besondere Stellung. Sie sind eine internationale Organisation. Das heißt, wir haben ein internationales völkerrechtliches Statut über unsere Organisation mit elf Mitgliedstaaten. Und Deutschland ist über das Auswärtige Amt unser Hauptfinanzier, der einen sogenannten Pflichtmitgliedsbeitrag leistet. Zusätzlich können wir Spenden entgegennehmen und Drittmittel über diverse Förderprojekte beantragen. Das Projektkostenziel des Archivneubaus ist mit 32 Millionen Euro beziffert.


NS-Verbrechen werden geleugnet. Sehen Sie das Archiv auch als politisches Instrument gegen  Geschichtsrevisionismus?


Wir erleben diesen Wandel in der Erinnerungskultur, den Sie gerade beschreiben, deutlich. Und deshalb kommt uns als Archiv eine besondere Rolle zu, weil wir eben den Beweis für die NS-Verfolgung aufbewahren und zugänglich machen. Wir haben eine digitale Bildungsplattform: Arolsen School. Sie steht Schulen sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren schon zur Verwendung offen. Wir sehen auch in diversen Studien, beispielsweise der Claims Conference, dass über 90 Prozent der Erwachsenen in westeuropäischen Staaten Holocaust Education als ganz wichtigen Politikbereich sehen. Und die sogenannte Generation Z geht auch viel unvoreingenommener an die Geschichte heran als die Generationen davor. Wir haben Hoffnung.

Eine 12 × 20 cm große Karteikarte. Die Schrift darauf: geschwungen geschrieben Name, Geburtsdatum, Herkunft, ein Hinweis auf ihre schreckliche Vergangenheit und ein Wunsch für die Zukunft. 

Ein solches Dokument findet sich im Archiv der Arolsen Archives und registriert die Holocaust-Überlebende Anni Plaut aus Naumburg bei Kassel als sogenannte Displaced Person. Das waren befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene – kurzum: Millionen Menschen, die von den Nazis verfolgt und verschleppt wurden. So auch Anni Plaut. Sie wird in den 1920er-Jahren in eine jüdische Familie geboren – auf Dokumenten im Archiv finden sich Angaben, die 1925 als auch 1929 als Geburtsjahr angeben. 1941 deportieren die Nazis sie gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihren Eltern in das Ghetto Riga. 

Alle bis auf Anni werden in Konzentrationslagern ermordet. Anni verschleppen die Nazis 1944 weiter in das KZ Stutthof. Sie überlebt. Nach ihrer Befreiung 1945 kehrt sie zurück nach Kassel, später lebt sie in verschiedenen DP-Camps. Ein Foto aus ihrer Akte zeigt ein junges, hübsches Mädchen. Gegenüber ihren Betreuenden des damaligen Internationalen Suchdienstes äußert Anni den Wunsch, zu Verwandten nach Palästina auszuwandern. Aus den Akten der Arolsen Archives geht hervor, dass sie später in Kassel heiratete und gemeinsam mit ihrem Mann nach Israel auswanderte. Heute erinnern Stolpersteine vor ihrem früheren Zuhause in Naumburg an Anni, ihre Eltern Elias und Dora und ihre Brüder Walter und Siegbert. Ein Schicksal unter Millionen. 

Eine Karteikarte unter Millionen. Jeder Karteikarte ein Gesicht zu geben, das ist die Arbeit von Moritz Wein und seinem Team.

Eine von ihnen ist Lilith Roska. „Manchmal muss man auf sich achten, wenn man das alles liest“, sagt sie, die seit 2023 als Online Redakteurin bei den Arolsen Archives arbeitet. Sie ist 28 Jahre alt. 


Heinrich Jäger wird am 2. Oktober 1919 in Obervellmar bei Kassel geboren. Später lebt er in der Naumburger Straße 47 in Kassel, wo heute auch ein Stolperstein für ihn verlegt ist. Heinrich Jäger ist verheiratet und von Beruf Fleischer. Die Nazis verhaften ihn schließlich in Obervellmar und nehmen ihn am 7. August 1942 in sogenannte Schutzhaft. Der Vorwurf: Beleidigung. Er wird zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Doch nach dem Verbüßen seiner Strafe kommt Heinrich nicht frei. Stattdessen wird er von der Staatspolizei Münster im Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen. Hier wird er als politischer Häftling unter der Nummer 8845 inhaftiert und später in das Konzentrationslager Mittelbau-Dora überstellt. Hier ist er ab dem 29. Oktober 1944 Häftling. Er überlebt die Verfolgung und wird nach dem Krieg von der Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte in Kassel betreut.