Im Alter von 86 Jahren ist am 29. April der documenta-Künstler Timm Ulrichs gestorben. Noch im vergangenen Jahr war er zu Gast in Kassel bei den Feierlichkeiten zu „100 Jahre Harry Kramer“. Dabei hatte Mein-Kassel-Reporterin Christina Hein Gelegenheit, sich mit ihm zu unterhalten. Zuvor hatte Ulrichs ihr das Konzept seines Grabmals auf der Nekropole erläutert. Inzwischen ist er dort in Anwesenheit eines kleinen Kreises von Angehörigen und Freunden beigesetzt worden. Er ist der fünfte Künstler, der am Blauen See seine letzte Ruhe gefunden hat. Ihm folgt jetzt Rune Mields, die kürzlich, am 27. Juni 2026, im Alter von 91 Jahren in Köln gestorben ist. Ihr Grabmal trägt als Titel das Seneca-Zitat „La vita corre come rivo fluente (Das Leben verläuft wie ein fließender Strom)“. Seit 1993 sind zehn Denkmale angelegt worden. Als erster Künstler wurde 1997 anonym und ohne ein Grabmal der Initiator Harry Kramer beigesetzt. Das Grabmal des 2014 verstorbenen Fritz Schwegler enthält Erde seiner Grabstätte in Börtlingen. Die Urne von Werner Ruhnau kam 2015 auf die Nekropole, ein Jahr darauf folgte Karl Oskar Blase. Heinrich Brummack wurde 2018 beigesetzt.
Die ironische und provozierende Beschäftigung mit dem Tod durchzieht das Werk des Konzeptkunst-Pioniers Timm Ulrichs wie ein Leitmotiv. Daher ist es nur konsequent, dass er zu den ersten gehörte, die ihre Teilnahme zusagten, als sein Freund und Kollege, der Kasseler Kunstprofessor Harry Kramer, im Habichtswald eine Nekropole plante, wo sich Künstler zu Lebzeiten ihre Grabmale gestalten. Im Oktober 1992 wurde die Arbeit von Timm Ulrichs, eine auf dem Kopf stehende Hohlform des eigenen Körpers, am Blauen See eingeweiht. Durch eine Panzerglasplatte kann der Betrachter in das Grab mit der Asche des Verstorbenen hineinsehen.
Mit Kassel, wo er häufig in Erscheinung trat – zuletzt 2025 bei den Feierlichkeiten „100 Jahre Harry Kramer“ –, verband Timm Ulrichs, der in Hannover lebte und von dort aus wirkte, eine Menge. Nicht zuletzt war Ulrichs, der sich 1959 den Titel „Totalkünstler“ gab, 1977 auf der documenta präsent: mit Buchobjekten, die in der Orangerie zu sehen waren. Im Kasseler Kunsttempel, der sich den Schwerpunkt Konzept- und Sprachkunst gesetzt hatte, war Ulrichs häufig zu Gast. Hier ließ er sich 2005 zur Eröffnung seiner Ausstellung „Tätowierbilder“ den Schriftzug „copyright by Timm Ulrichs“ auf den rechten Unterschenkel tätowieren. Eine ältere Tätowierung war bereits zu seinem Markenzeichen geworden: Sein rechtes Augenlid zierten die Worte „THE END“.
Am 29. April 2026 hat Timm Ulrichs seine Augen für immer geschlossen. THE END – einst künstlerische Geste – ist wahr geworden. Ulrichs, der sein Leben sowie seinen Tod zur Kunst erklärt hatte, ist 86 Jahre alt geworden.
1940 in Berlin geboren, hatte er ein Architekturstudium in Hannover begonnen, entschied sich aber, als freier Künstler zu leben. 1959 gründete er die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“, über die er Drucksachen vertrieb. Das „Ich als erstes lebendes Kunstwerk“ auszustellen, war schon in den 1960er Jahren seine stark umstrittene Idee. Nach vielen Auseinandersetzungen konnte Ulrichs das Vorhaben 1966 verwirklichen, sich selbst als Artefakt in einer Vitrine einer Frankfurter Galerie zu präsentieren. „Leben ist Kunst – Kunst ist Leben“ wurde zu seinem Credo. Der Körper war für ihn künstlerisches Subjekt und Objekt zugleich. Seine Wurzeln sind im satirisch-kritischen Ton des Dadaismus und der späteren Fluxus-Bewegung zu suchen. Ulrichs, der an der Kunstakademie Münster eine Professur für „Bildhauerei und Totalkunst“ innehatte, liebte die Provokation: Er rannte nackt als „menschlicher Blitzableiter“ mit einer Metallstange über ein Feld. Aus Betonabgüssen seines Schädels schuf er ein „Kopfsteinpflaster“, und auf der Art Cologne erschien er 1975 mit dunkler Brille, Blindenstock und einem Schild um den Hals. Darauf stand: „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“
Wie würden Sie Ihr Grabmal auf dem Gelände der Künstlernekropole im Naturpark Habichtswald beschreiben.
Das ist ja eine ganz einfache technische Beschreibung: Ich habe von den Grabstätten, die da errichtet sind, die kleinste realisiert. Das entspricht auch meiner Haltung dem Leben oder dem Tod gegenüber. Einerseits hat man natürlich den Kopf in den Sternen, aber mit den Füßen steht man im Morast und auf der Erde. Beerdigen heißt ja, dass man sich wieder der Erde annähern muss, in den meisten Fällen unfreiwillig, zu dem Zeitpunkt, wenn es kommt. Aber wir als Künstler der Nekropole haben uns jetzt schon bewusst diesem unausweichlichen Thema gestellt, und ich meine, dass sich Größe, menschliche Größe, um die es im Leben ja auch geht, nicht in der Größe des Grabmals manifestieren muss.
Wenn Sie auf dem Père Lachaise in Frankreich sind, dann sehen Sie, dass da Fuhrunternehmer, Schlachtermeister und so weiter die größten Grabstätten haben, und die größten Poeten und Musiker ganz bescheidene Gräber haben.
Also, meins ist klein und bescheiden, aber, wie ich doch denke, gut durchdacht und reflektiert. Da wir gezwungenermaßen aus Rücksicht auf die Buschwindröschen und so im Habichtswald – das waren ja damals Bedingungen, die die Grünen im Kasseler Stadtrat erfüllt sehen wollten, also man wollte keine Leichenbegräbnisse mit Särgen haben, wegen der Grundwassergefährdung durch Leichengifte musste eine Einäscherung der Künstler passieren. Und da habe ich überlegt, ich mache eine Urne in Menschengestalt, in meiner Figur, als einen Abguss meiner Figur, und zwar ein Negativ meines Körpers im Maßstab 1:1. Dieser Abguss in Bronze wird dann kopfstehend in die Erde eingelassen, sodass ich mit den Fußsohlen die Erdoberfläche von unten berühre und man durch die Füße in diesen Hohlraum sehen kann, der dann die Asche aufnehmen wird, eines Tages. Die Asche wird sich in der Kopfform sammeln, und eben da, in dem Zentrum des Ichs gewissermaßen, die letzte Ruhe finden. Und man kann durch die beiden Füße, die mit Glas abgedeckt sind, in das Dunkel des Inneren schauen und sich dazu manches imaginieren.
Der Tod ist ja ein Thema, das Ihr künstlerisches Werk von Anfang an durchzieht.
Ja, Sie wissen vielleicht, dass ich schon 1969, also mit 29 Jahren, in Hannover in einer kleinen Galerie, dem Kunstraum Hannover, einen Gedenkraum eingerichtet habe, und zwar bestehend aus meinem Grabstein, den ein Steinmetz in meinem Auftrag gemeißelt hat, mit der Inschrift „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen“. Das ist eine recht paradoxe Aufforderung. In dem Maße, wie man versucht, ihr gerecht zu werden, umso intensiver bleibe ich dann im Gedächtnis. Aber ich will ja nicht um Nachsicht und Nachruhm betteln, sondern fordere gewissermaßen das Gegenteil daraus und erreiche wiederum das Gegenteil dessen. Also, das ist eine unsentimentale Aufforderung, die da auf dem Grabstein steht. Ein Friedhofsgärtner hat dann noch das ganze Ambiente in dem Raum mit Blumen und so weiter ausgestattet. Ich habe also schon zu einem frühen Zeitpunkt an den Tod gedacht, der dann auch in anderen Arbeiten, zum Beispiel der Augenlid-Tätowierung THE END, eine Fortsetzung gefunden hat. Das Ganze ist wiederum eingebettet in meine Theorie oder meine Praxis der Selbstausstellung als erstes lebendes Kunstwerk. Dazu bin ich schon 1961, also mit 21 Jahren, geschritten, und habe mich dann verschiedene Male in einem Glaskasten ausgestellt. In dem Zusammenhang ist natürlich auch der Körper ein Kunstwerk. Um auf die Nekropole zurückzukommen: Der Körper hätte ja auch einbalsamiert werden können. Aber mit diesem Einäschern und Auffangen der Asche in der Hohlform eines Denkmals, das aber anders als übliche Denkmäler nicht aufrecht stehend imposant, möglichst noch auf einem Sockel zur Betrachtung freigegeben ist, oder auffordert – man muss bei großen Denkmälern ja häufig noch den Kopf in den Nacken legen, um der Größe gerecht zu werden, um in devoter kleiner Haltung daneben zu stehen, neben diesem großen Monument – habe ich da in Kassel eine verschwindend kleine Sache für mich realisiert. Man hat ja nur die Fußbodenplatte, alles andere verschwindet im Erdreich. Ich habe noch nicht mal die Größe eines Sarges, der flach in der Regel in die Erde eingelassen wird, für mich, sondern ich bin gewissermaßen wie Till Eulenspiegel senkrecht in die Grube gefahren.
Und man schaut dann nach unten in das Dunkel und es gibt nicht viel zu sehen, sondern man muss sich das Weitere dazu denken?
Das romantische Bild, das die Erinnerung erzeugen könnte, in dem wilden, ja romantischen Habichtswald, besteht auch noch darin, dass eines Tages die Asche meiner Frau, Ursula Neugebauer, sich da einfinden wird, vor mir oder nach mir, je nachdem. Aber dort werden wir im Tode wieder vereint sein, das haben wir mit der Verwaltung der Nekropole, dem Museum für Sepulkralkultur, vereinbart, dass sich diese Institution darum kümmern wird, dass wir im Tode eines Tages wieder vereint sein werden.
Was halten Sie grundsätzlich von Harry Kramers Idee, im Wald eine Nekropole für Künstler zu schaffen?
Gewissermaßen könnte das auch eine Idee von mir sein. Aber ich bin nicht so altruistisch wie Harry Kramer. Diese ganzen Aktionen, von denen ich berichtet habe, die sich um meinen zukünftigen Tod abspielen, werden ja nur mit meiner Person realisiert oder fantasiert. Natürlich: Gute Kunst – es sei unterstellt, dass ich eine solche mache – lässt sich auch übertragen. Sie ist also nicht solipsistisch auf den Autor beschränkt, sondern ist ja von anderen gedanklich nachvollziehbar. Das macht ihre Bedeutung aus, dass sie sich nicht nur auf den Autor beschränkt, sondern von jedermann mit- und nachgedacht werden kann. Harry Kramer hat die Arbeit auf sich genommen, andere
Künstler anzusprechen, also von sich abzusehen. Er ist ja auch auf dem Friedhof gar nicht sichtbar präsent. Natürlich kann man sagen, die ganze Nekropole ist ein Kramer-Werk, und alle anderen Autoren, die sich da eingefunden haben, sind gewissermaßen Subautoren. Aber er hat eben die ganzen Gespräche führen müssen, die Überzeugungsarbeit mit anderen Künstlern, wobei eine ganze Reihe bekannter Künstler sehr damit kokettiert hat, ob sie sich dazu herablassen sollten, da teilzunehmen, also sich in einen Chor verstorbener Künstler einzufügen, oder ob sie doch mehr auf ihrer Singularität bestehen sollten. Also diese ganzen Erweiterungen, die Harry Kramer auf sich genommen hat, auch die finanziellen Querelen, die er getragen hat, und auch gelöst hat, die wären bei mir doch mehr auf mich selbst bezogen. Das wäre vielleicht auch zu viel für mich gewesen. Aber ansonsten habe ich mich mit Harry Kramer immer in freundschaftlicher Konkurrenz befunden. Wir haben uns – das darf ich vielleicht unterstellen – als Künstler auf Augenhöhe, als freundschaftlich verbundene Leute gleichen Geistes gesehen, und ich war stolz darauf, wenn man das so sagen darf, dass Harry Kramer mich zu einem frühen Zeitpunkt angesprochen hat. Ich habe sofort zugesagt. Ich habe mir gar nicht erst von Freunden, Frauen, Ehegattinnen oder weiteren Angehörigen die Erlaubnis geholt, oder das Einverständnis, sondern ich habe gleich gesagt: Natürlich mache ich da mit. Harry Kramer hatte ja zunächst an diesen Grabstein, von dem ich gesprochen habe, gedacht. Aber dann habe ich diese Arbeit entwickelt, diesen Negativabguss meiner selbst, dieses Negativdenkmal, diese Hohlkörperform, und das haben wir dann auch in einer gemeinsamen Kraftanstrengung geschafft. Das war ja finanziell nicht so einfach zu tragen. Diese ganze Skulptur hat in der Herstellung 20.000 DM gekostet, und die musste Harry Kramer zur Hälfte selber aufbringen, und die andere Hälfte hat dann Lothar Romain mit einer Ausstellung in Hannover über „Skulptur im Außenraum“ der Bundesrepublik finanziert. Dadurch ist das Ganze machbar geworden.
Was bedeutet es, sich zu Lebzeiten ein Grabmal zu gestalten?
Ich konnte mir ja als einer der Ersten den eigenen Platz aussuchen, ich habe ja einen sehr schönen Platz direkt am Weg, also man muss keine beschwerlichen Abwege unternehmen, sich nicht ins Unterholz schlagen, sondern am Weg am Blauen See vorbei, also mit Seeblick gewissermaßen, habe ich mir den schönsten Platz ausgesucht. Allerdings an einer Steilkante, oder Abbruchkante, die vielleicht eines Tages in den See stürzen könnte. Dann müsste man eben mein Grab um ein paar Meter versetzen. Aber wie gesagt: Ich habe mir im Gegensatz zu anderen Künstlern einen von mir präferierten Platz aussuchen können, einen, der mir am besten erschien für eine solche Markierung. Und ich kann dann – wenn man sich das so vorstellen will – über den Tod hinaus immer aus meinem Dunkel heraus, dem Dunkel meines Lochs da, in dem ich mich als Asche eingefunden habe, zum Blauen See hinunterschauen, und den Tod genießen.