Wenn Marc Kosicke einen Platz zum Nachdenken braucht, zum Entwickeln von neuen Strategien oder Ideen, dann ist das nicht etwa ein Bürostuhl in seinem Firmengebäude nahe des Kasseler ICE‑Bahnhofs. Kosicke braucht Raum, viel Raum – und zwar an der frischen Luft im Bergpark Wilhelmshöhe. Früher war er, wie er scherzt, an der Leine seines Hundes unterwegs auf Wegen und Pfaden „in der herrlichen Natur dort“. Nun marschiert er, nach dem Tod des vierbeinigen Familienmitglieds, alleine auf den gewohnten und geliebten Strecken umher. Kein Wunder, dass er den Park, die grüne Lunge oberhalb der Stadt, einen „der absoluten Lieblingsplätze“ in der nordhessischen Wahlheimat nennt.
„Wir sind alle ein Team, wir spielen und leben zu gleichen Regeln, auf Augenhöhe.“
Kosicke, der 55‑Jährige mit dem markanten Glatzkopf, ist inzwischen zu nationaler Bekanntheit gelangt, wenn auch als Folge eines Sommers des fußballerischen Mißvergnügens, dem grandiosen Scheitern der Nationalmannschaft bei der WM in den USA. Bis vor kurzem war der Vater dreier Söhne noch einer der prominentesten Berater in der Fußballszene, einer, der sich vor allem als Trainerflüsterer einen Namen gemacht hatte. Kosicke war der hellsichtige Kopf, der einst erkannte, dass im Beratungsgeschäft eine erstaunliche Lücke klaffte, nämlich bei der Assistenz von Trainern in allen möglichen Lebenslagen und natürlich der Jobvermittlung.
Jürgen Klopp wurde im Lauf der Jahre Kosickes berühmtester Klient und später auch persönlicher Freund. Als nach dem Vorrunden-Aus der DFB-Truppe in Amerika die Nachfolgediskussion fast zwangsläufig auf Klopp zusteuerte, stellte der Bundestrainer-Kandidat Kumpel Kosicke unmissverständlich vor keine Wahl: „Du musst dabei sein. Ich brauche Dich.“ Während Kosicke in seinem Büro noch einmal über die Turbulenzen der letzten Wochen spricht, schüttelt er auch den Kopf und lächelt: „Die Amerika-Reise war eigentlich ein bisschen anders gedacht.“ Eigentlich habe er nur Klopps Engagement beim TV-Sender Magenta und Aktivitäten bei Red Bull, dem nun ehemaligen Arbeitgeber des Coachs, begleiten sollen. Nichts, was einen wie Kosicke hätte aufregen können, der Trip versprach eine eher geruhsame Zeit.
Jetzt ist er rund um Klopp eine Art Allzweckwaffe, ohne auch nur im Geringsten über das Kerngeschäft der sportlichen Trainerarbeit mitreden zu wollen – oder müssen. Klopp hat Kosickes Aufgabengebiet so formuliert: „Alles außer Fußball.“ AaF. Was allerdings eine Menge ist, wie Kosicke nach den ersten Arbeitstagen etwa im DFB-Campus in Frankfurt festgestellt hat. Verkrustete Strukturen und zu hierarchisches, nicht selbstständiges Denken rund um die Nationalmannschaft zu beseitigen, wird zu den ersten Aufgaben Kosickes zählen. Eine Episode fällt ihm da exemplarisch ein. „Als wir kürzlich Mittag essen wollten, bot uns eine Mitarbeiterin an, in unseren Büros einzudecken. Lehnten wir selbstverständlich ab. Wir sind alle ein Team, wir spielen und leben zu gleichen Regeln, auf Augenhöhe“, sagt Kosicke, „wir mussten auch noch klarstellen, dass wir unsere Einstandsfeier selbst bezahlen wollen. Sonst ist es ja keine Einladung von uns.“
Die Zusage, an Klopps Seite beim DFB einzusteigen, war für Kosicke im Grunde alternativlos: „Ich musste nicht lange darüber nachdenken.“
Obwohl er sich von den meisten seiner bisherigen Engagements trennen musste, sei es auch nicht die einschneidendste berufliche Veränderung gewesen: „Das war, als ich damals bei der Firma Nike ausstieg und mich auf eigene Füße stellte. Da wusste ich nicht, ob dieser Sprung erfolgreich sein würde.“ Vor Nike war Kosicke auch bei Adidas auf dem Lohnzettel, vermittelte Vereine und Spieler an die Sportartikler. „Heute weiß ich, was ich kann. Was man machen muss, um erfolgreich zu sein. Dieses Selbstvertrauen habe ich mir erarbeitet“, sagt Kosicke.
Aber natürlich schaut er auch ein wenig verblüfft auf die Karriere, die er über die vergangenen zwei Jahrzehnte hingelegt hat – und die ihn nun sogar ins Herz des deutschen Fußballs geführt hat, die Nationalmannschaft. „Es ist eine unglaubliche, verrückte Reise gewesen. Ein Weg, den ich nicht zu träumen gewagt habe“, sagt Kosicke, der gebürtige Bremer, der in seiner Jugend schon einmal in Nordhessen lebte und für den KSV Baunatal auflief. Auch für den Tuspo Rengershausen kickte er damals, sein Vater und sein Schwiegervater trainierten den Klub. Kosickes Frau Yvonne Ransbach, eine ehemalige ZDF-Moderatorin, stammt aus Baunatal. Die Familie lebte auch schon einmal für ein Jahr im südafrikanischen Kapstadt, und zog dann nach Deutschland zurück. Und fühlt sich nun in Kassel „richtig wohl.“
Kosicke erntet zuweilen erstaunte Blicke, wenn er im Gespräch erklärt, wo er wohnt und lebt: „Da reißen manche die Augen auf und verbinden das Wort Kassel mit einem Fragezeichen.“ Was hat Kassel, was ihm andere Städte nicht bieten?
„Kassel ist eine grüne Stadt, es gibt unheimlich viele Plätze und Orte, wo man sich entspannen und erholen kann“, sagt Kosicke, „dann hast du bezahlbaren Wohnraum, vertretbare Preise, ein ganz großes Kulturangebot, Theater, Museen, tolle Sportmöglichkeiten. Gerade für Kinder ist das alles ein Superding.“ Für den eigenen Nachwuchs konnte sich Kosicke jedenfalls nichts Schöneres vorstellen, „als in dieser Umgebung und mit diesen Möglichkeiten aufzuwachsen.“
Mit dem ICE-Bahnhof habe man auch ein erstklassiges Faustpfand in Sachen Infrastruktur, sagt Kosicke, der von dort selbst in alle Himmelsrichtungen unterwegs ist – wenn die Bahn denn mitspielt. Was ihn allerdings auch umtreibt in Kassel, ist dies: Das Sterben und das Siechtum im Einzelhandel, „tolle, kleine Geschäfte oder Boutiquen, die schließen müssen. Da verliert die Stadt ein Stück weit ihr Gesicht.“ Auch spezielle Angebote für Teenager fehlten schon, sagt Kosicke, die Clubszene dünne sich aus. Die Stadt, so sein Befund, „braucht ein lebendigeres, spannenderes Zentrum.“
Fußball spielt Kosicke inzwischen nur noch selten. Man sieht ihn eher auf dem Tennisplatz oder beim Padel, der neuen Trendsportart. Die Tenniscourts des KTC Wilhelmshöhe hat Kosicke in unmittelbarer Nähe zu seinem Haus, der Klubbesuch mit Match und anschließendem Nachspiel auf der Terrasse hat für ihn auch eine gesellschaftliche Relevanz: „Das ist ein Stück Gemeinschaft, das da gelebt wird. Zusammensein, eine gute Zeit, gute Gespräche zu haben.“ Klopp, der neue Bundestrainer, ist auch Tennisfan. Und ein dicker Kumpel von Tenniskanzler Boris Becker. Kosicke erinnert sich dabei an einen Satz von Klopp: „Er hat immer zu mir gesagt: Drei Figuren und Menschen haben mich geprägt – Winnetou, Franz Beckenbauer und Boris Becker.“
Klopp, sein Buddy, hat jüngst auch mal zu Kosicke gesagt: „Du hast einen entscheidenden Vorteil. Wenn Du eine Kappe aufziehst, erkennt Dich keiner mehr. Bei mir klappt das nicht.“ So kann Kosicke, wie er sagt, auch relativ unerkannt über einen seiner weiteren Lieblingsplätze in Kassel schlendern, den Wehlheider Wochenmarkt. Kauft er dort ein, genehmigt er sich beim „verlängerten Frühstück“ auch gern mal eine schöne Bratwurst. Was muss, das muss.
Kassel, seiner Heimat fern der Geburtsstadt Bremen, wünscht der prominente Bürger genau wie ganz Nordhessen „einfach mehr Selbstbewusstsein, eine breite Brust“: „Wir sind in der Mitte Deutschlands, allein das bietet so viele Möglichkeiten und Chancen. Man muss sie nur nutzen.“