Am 12. Juni 2027 beginnen in Kassel 100 Tage documenta 16 – Geschäftsführer Andreas Hoffmann hat dafür die notwendige Vorarbeit geleistet.
Die Zentrale Namenskartei (ZNK) verzeichnet 17,5 Millionen Namen. Jedes Jahr erreichen das Archiv mehrere zehntausend Suchanfragen aus circa 70 Ländern, 2025 waren es rund 30.000 Anfragen. Seit 2013 ist der Bestand UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die Dokumente erzählen von Verfolgung, Deportation, Zwangsarbeit, und sie erzählen von Menschen. Ende der 90er Jahre wurde die ZNK digitalisiert. Jahrzehntelang ist die Kernaufgabe der Einrichtung, Schicksale zu klären und Vermisste zu suchen. 99 Prozent der Unterlagen aus Arolsen sind inzwischen online zugänglich. Der neue Direktor Moritz Wein versteht die Arbeit der Arolsen Archives nicht nur als Rückblick, sondern auch als aktive gesellschaftliche Aufgabe in der Gegenwart in einer Zeit, in der demokratische Werte zunehmend unter Druck geraten. MEIN KASSEL hat Moritz Wein zum Gespräch getroffen.
In weniger als neun Monaten startet in Kassel die documenta 16. Wem diese Zeitangabe zu unpräzise ist, der kann einen Blick auf die soeben eröffnete Website der aktuellen Weltkunstausstellung www.documentasixteen.com werfen. Dort wird der offizielle Beginn am 12. Juni 2027 als Countdown in Sekunden runtergezählt. Hundert Tage vor Weihnachten ist jetzt auch der Ticketverkauf für die D16 an den Start gegangen.
In der Pressemitteilung zur aktuellen Ausgabe der Weltkunstschau heißt es: D16 (konsequent ohne Artikel) feiere die „verbindende Kraft von künstlerischen Praktiken, Musik, Performances, Improvisation und kollektivem Lernen“. Erste wolkige Spuren, worauf es der Künstlerischen Leiterin Naomi Beckwith und ihrem Kuratorinnen-Team bei der D16 inhaltlich ankommt, sind also gelegt.
Konkreter wurde es beim Lüften des Geheimnisses zum Erscheinungsbild der D16: Endlich konnte das lange erwartete Ausstellungsplakat in Augenschein genommen werden. Es besteht – helle Buchstaben auf dunkelblauem Grund – aus einem schlichten und schnörkellosen Fließtext. Der abgebildete Satz ohne Interpunktion lautet:
„DOCUMENTA SIXTEEN ERÖFFNET AM ZWÖLFTEN JUNI UND ENDET AM NEUNZEHNTEN SEPTEMBER ZWEITAUSENDSIEBENUNDZWANZIG IN DER STADT KASSEL DEUTSCHLAND.“
Von interpretatorischer Bedeutung dürfte der komplexe Subtext sein: Das Design der Schrift wurde inspiriert von einer handgezeichneten Typografie, die der Soziologe und Kämpfer für die Rechte der Schwarzen, W. E. B. Dubois (1868–1963), vor über 100 Jahren zusammen mit seinen Studenten für eine Plakatserie auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 entwickelt hat. Die Serie gilt als ein Vorläufer der modernen Datenvisualisierung.
Von der D16 wird betont, dass auch das visuelle Design als „kollaborativer Prozess“ entstanden ist, bei dem drei Studios („Beautiful Baby Limited“, „Data Orbit“ und „Wiegand von Hartmann“) zusammengearbeitet haben.
Langsam, wenn auch vage, zeichnet sich die Handschrift der Künstlerischen Leitung ab. In der Pressemitteilung heißt es: „In Zeiten einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung wird D16 einen Ort für transkulturellen Dialog schaffen, an dem sich Besucher*innen auf Augenhöhe begegnen können, getragen von gegenseitigem Respekt und geteilter Verantwortung.“
„Alles ist von einer hohen Dynamik geprägt“, beschreibt der Geschäftsführer der documenta gGmbH, Andreas Hoffmann, die derzeitige Stimmung im Team. Die erste Resonanz auf das visuelle Design der D16 – auch aus der Stadtgesellschaft heraus – sei überaus positiv. Sein Eindruck: „Kassel ist jetzt richtig vom documenta-Fieber erfasst.“
In seinem Büro im Fridericianum unterhielt sich MEIN KASSEL mit Andreas Hoffmann über das documenta-Fieber, darüber, wie man im Kunstbetrieb mit Polarisierungen umgeht und ihm nach dem Antisemitismus-Skandal auf der documenta fifteen die Quadratur des Kreises gelungen ist.
MEIN KASSEL: Wie gehts es Ihnen, Herr Hoffmann
Hoffmann: Es geht mir tatsächlich sehr gut. Wir sind ja bei der documenta in einer sehr wichtigen Phase: Die neue Website, das visuelle Design sind live gegangen, wie man so schön auf Neudeutsch sagt. Wir haben den Vorverkauf gestartet, und so hat sich der Weg in den Sommer 2027 sehr beschleunigt. Ich fühle mich von dieser Begeisterung, die die Stadt gerade prägt, sehr mitgerissen.
Sabine Schormann trat am 16. Juli 2022 während der documenta fifteen als Generaldirektorin der documenta zurück. Hintergrund war der Skandal um das Banner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz. Es war erst nach der offiziellen Eröffnung entrollt worden und zeigte antisemitische Motive. Schormann wurde vorgeworfen, zu spät reagiert und den Eklat unzureichend aufgearbeitet zu haben. Sie habe ihre Verantwortung nicht wahrgenommen, lautete der Vorwurf. Nach wochenlangen Diskussionen und wachsendem Druck von Politik und Öffentlichkeit verständigte sich der Aufsichtsrat mit Sabine Schormann auf eine sofortige Auflösung ihres Vertrags.
Sie haben 2003 als Geschäftsführer der documenta das Ruder in sehr bewegten Zeiten übernommen. Viele fragten sich seinerzeit: Wie kann es überhaupt weitergehen? Es gab Medien, die schon das Ende der documenta herbeigeschrieben haben. Dann kamen Sie und haben das irgendwie geschafft: überlegt, ausgleichend und mit einer Geduld und Freundlichkeit, die in den vorausgegangenen Auseinandersetzungen verloren gegangen waren. Unter anderem haben Sie den umstrittenen Code of Conduct mit auf den Weg gebracht, einen Verhaltenskodex, der die ethischen Grundwerte der documenta gGmbH festlegt. Darin heißt es unter anderem: „Die documenta gGmbH macht es sich zur Aufgabe, Antisemitismus, Rassismus und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiv entgegenzutreten.“ Der Code of Conduct hat dazu beigetragen, die festgefahrene Situation aufzulösen und die Aufgeregtheit runterzufahren, trotz kritischer Stimmen aus der Künstlerschaft, die eine Beschränkung der künstlerischen Freiheit fürchteten. Naomi Beckwith hat jetzt in einem ZEIT-Interview erklärt, dass der Code of Conduct nur für die Geschäftsführung gelte, nicht für sie. Wie muss man das verstehen?
Vielleicht muss man einen Schritt zurückgehen: Ich glaube, man kann wirklich sagen, dass die documenta im Frühjahr 2023, als ich kam, in einer sehr schwierigen Situation war. Im November 2023 verloren wir dann auch noch die erste Findungskommission für die künstlerische Leitung der D16, mit einem schrittweisen Rücktritt zunächst eines Mitglieds, dann eines zweiten und dann der ganzen Kommission. Zu diesem Zeitpunkt hat die documenta tatsächlich am Abgrund gestanden. Wir sind natürlich sehr froh, dass wir dennoch, obwohl wir ein Jahr verloren haben, in der Vorbereitung der D16 nun mit Naomi Beckwith und ihrem Team auf dem Weg sind und die D16, wie geplant, am 12. Juni 2027 eröffnen werden.
Wie ist das erreicht worden?
Dass das so funktioniert hat, ist, glaube ich, einer sehr konsequenten Aufarbeitung der Ereignisse zu verdanken, in einem mehrschrittigen Prozess: Zunächst war da die fachwissenschaftliche Begleitung, die schon während des Sommers 2022 ihre Arbeit aufgenommen hat. Es gab dann einen Abschlussbericht, der zu Beginn 2023 vorlag. Es gab gleichzeitig das Gutachten von Christoph Möllers, der im Auftrag der Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesrepublik am Beispiel der documenta fifteen einmal ganz konkret gefragt hat: Wie ist denn die Rollenverteilung in so einem Krisenfall? Wie geht man um mit der Gratwanderung zwischen der uneingeschränkten Wahrung der Kunstfreiheit für die Künstlerische Leitung und das kuratorische Team, und andererseits der Sorgfaltspflicht, die für die Geschäftsführung einer staatlich finanzierten Kulturinstitution gilt? Ich habe dann die Verpflichtung einzugreifen, wenn Straftaten begangen werden oder Werke diskriminierende Inhalte zeigen.
Und dann?
Im dritten Schritt folgte die Organisationsuntersuchung durch die Unternehmensberatung „Metrum“, die auf den Kulturbereich spezialisiert ist. Ihre Aufgabe war es, die gesamte gGmbH in ihren Strukturen daraufhin zu untersuchen, wie wir sie krisenfester und auch kommunikativ stärker aufstellen können. Das alles ist geschehen und mir ist wichtig hervorzuheben, dass der Erfolg der Restrukturierung der documenta und Fridericianum gGmbH natürlich nicht das Werk einer Einzelperson ist. Unsere beiden Gesellschafter haben maßgeblich und konstruktiv mitgewirkt, insbesondere der Kasseler Oberbürgermeister Sven Schoeller, in seiner Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender, sowie sein Stellvertreter, Staatsminister Timon Gremmels. Ich glaube, wir sind dadurch viel besser vorbereitet auf die Dinge, die da kommen könnten.
Welche Rolle spielt es, dass Sie nicht nur promovierter Archäologe sind, sondern auch Kulturmanager? Würden Sie sich als Manager-Typ bezeichnen, einer, der die Dinge anpackt?
Ich bin Kulturmanager, das ist richtig, und ich unterrichte in Hamburg am „Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater“ in diesem Bereich und leite dort eine Fachgruppe „Wirtschaft und Marketing“. Von daher sind mir die Themen, die mich hier betreffen, präsent. Ich möchte hervorheben, dass der Geschäftsführer ja trotz seines archäologischen Hintergrunds – für mich endet Kunstgeschichte im Jahr 476 mit dem Ende des weströmischen Reiches – bei der documenta für alles zuständig ist, außer für Kunst. Es ist sehr wichtig, diese Trennung einzuhalten. Der Geschäftsführer sorgt für die finanziellen, die personellen, die organisatorischen Ressourcen. Er ist sozusagen der Ermöglicher in diesem ganz klassischen Rollenverständnis eines Kulturmanagers. Und das tun zu dürfen in einer der wichtigsten, bedeutendsten Institutionen der Kunst der Gegenwart, ist natürlich ein besonderes Vergnügen.
Kommen wir noch einmal auf den Code of Conduct zu sprechen.
Einen „Code of Conduct“ zu etablieren war tatsächlich nur eine von insgesamt 22 Empfehlungen von „Metrum“. Mit Blick auf Christoph Möllers Gutachten, das er jetzt im Suhrkamp-Verlag zusammen mit Nils Weinberg als Buch publiziert hat, war eine Sache immer wichtig: dass man den künstlerischen und den nichtkünstlerischen Bereich trennt und dass bei aller Verpflichtung, aktiv gegen Diskriminierung vorzugehen, die künstlerische Freiheit des Artistic Teams nie infrage gestellt werden kann. Wir sind sehr froh, dass Naomi Beckwith zum Thema Diskriminierung ein ganz klares Selbstverständnis hat. In Zeiten einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung wird die D16 ein Ort für transkulturelle und geteilte Verantwortung.
Ihnen ist damit die Quadratur des Kreises gelungen, Naomi Beckwith die absolute Freiheit zu geben, aber im Hintergrund darauf zu achten, dass alles ethisch korrekt verläuft. Falls nicht, würden sie dann auch die Verantwortung übernehmen?
Als Geschäftsführer habe ich die Verpflichtung, mich von diskriminierenden Codes in künstlerischen Werken zu distanzieren und sie gegebenenfalls zu kontextualisieren. Das Bild der Quadratur des Kreises ist ein sehr schönes. Sie ist Christoph Möllers mit seinem Gutachten gelungen, indem er in seiner Definition die Rollen, Verpflichtungen und Freiheiten, die die verschiedenen Verantwortlichen in einer solchen Situation haben, sehr klar aufgezeigt hat. An diesem Maßstab richten wir unsere tägliche Arbeit aus.
Sie sind zur documenta gerufen worden. Naomi Beckwith hat in besagtem Interview erzählt, dass sie erst beim zweiten Anlauf der Verantwortlichen die Aufgabe der Künstlerischen Leitung angenommen hat. Wie war das bei Ihnen? Musste man Sie lange bitten oder waren Sie gleich dabei? Zu dem Zeitpunkt war ja klar, dass sie erstmal nur Probleme zu lösen haben. Das Glamouröse war zunächst völlig abwesend.
Mein Mindset war völlig klar. Als ich gefragt worden bin, ob ich mich auf die Position der Geschäftsführung bewerben möchte, war ich 16 Jahre am Bucerius Kunstforum gewesen, ich hatte das Ausstellungshaus durch zwei große Baumaßnahmen begleitet. Wir haben es im Sommer 2019 eröffnet. Ich hatte auch große Ausstellungen kuratiert, im archäologischen Bereich, und mir war klar: Das hier kannst du noch viele Jahre weitermachen, das ist ein wunderbarer Rahmen, ein tolles Haus, getragen von einer hauptsächlich der Kulturförderung verschriebenen Stiftung. Mich hat die neue, ganz klar auch mit Problemen behaftete Aufgabe gereizt. Es war, wie man so schön sagt, eine once-in-a-lifetime Chance für mich.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Naomi Beckwith beschreiben?
Wir pflegen ein sehr, sehr gutes Verhältnis zueinander. Und was dabei am wichtigsten ist: Wir können sehr offen und transparent über Probleme sprechen. Von daher ist es für mich eine geradezu ideale Konstellation. Man merkt, dass Naomi Beckwith aus dem Guggenheim kommt und damit eine große, weltweit sehr bedeutende Museumsinstitution als stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin leitet. Von daher ist die Zusammenarbeit mit ihr höchst professionell, und das macht viel Spaß.
Freuen Sie sich auf die documenta? Glauben Sie, dass Ihre Lust auf sinnliche Kunst befriedigt wird?
Unbedingt. Ich bin ja einer der Ersten außerhalb des kuratorischen Teams, der erfährt, welche Positionen eingeladen sind. Das hat damit zu tun, dass ich viele Förderanträge schreibe, an Stiftungen gerichtet, bei denen wir um finanzielle Unterstützung bitten. Und ich kann Ihnen sagen: Die D16 wird eine großartige Ausstellung. Ich freue mich jeden Tag darauf.